Warum in Europa gemeinschaftsbasierte Lernökosysteme zunehmend Beachtung finden – Moyn Islam

Aijaz By Aijaz - Tech-Autor & Redakteur bei HeuteMagazines.de
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Über Branchen und Regionen hinweg lernen Erwachsene mehr denn je. Sie nehmen an Kursen teil, folgen Experteninnen und Experten, konsumieren Inhalte, und dennoch haben viele Schwierigkeiten, das Gelernte in die Tat umzusetzen. Wissen ist reichlich vorhanden, aber das Lernen an sich bleibt oft fragmentiert, isoliert und schwer in den Alltag zu integrieren. Die Lücke besteht nicht darin, was die Menschen wissen, sondern darin, wie man das Lernen weiterhin unterstützt, sobald die anfängliche Motivation schwindet. 

Diese Herausforderung ist mit Sicherheit global, aber Europa kann hierfür eine sehr wichtige Perspektive beisteuern. Angesichts des schnellen technologischen Wandels, sich verändernder Berufsanforderungen und längerer Erwerbsbiografien werden die europäischen Bildungs- und Qualifizierungssysteme, die lange für ihre Tiefe und institutionelle Stärke bekannt waren, zunehmend durch anpassungsfähigere Ansätze des lebenslangen Lernens ergänzt. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck eines bewussten Wandels. Im Mittelpunkt stehen Modelle, die Kontinuität, Inklusion und praxisnahe Anwendung wichtiger nehmen als einmalige Abschlüsse.

Diese Veränderung ist bereits über politische Grundsatzpapiere hinaus bemerkbar. Jüngste Berichte von Reuters zeigen, wie Dänemark auf aufkommende Qualifikationslücken reagiert, indem die Regierung, Arbeitgeber, Gewerkschaften und Bildungsträger in koordinierte Lernökosysteme eingebunden werden. Dabei wird ein Wandel von isolierten Schulungsprogrammen hin zu gemeinsamen, strukturierten Pfaden für kontinuierliche Weiterentwicklung vollzogen.

Vor diesem übergeordneten Hintergrund verändert sich Lernen zunehmend. Es wird kontinuierlicher, kollaborativer und stärker praxisorientiert. In diesem Kontext gewinnen gemeinschaftsbasierte Lernökosysteme in ganz Europa zunehmend an Beachtung.

Die Beteiligung am Lernen nimmt zu, aber unregelmäßig

Die Beteiligung am Lernen nimmt zu, jedoch nicht gleichmäßig. Europa hat beim Ausbau des Zugangs zu Bildung und Weiterbildung große Fortschritte gemacht. Laut Eurostat nahmen im Jahr 2022 insgesamt 47 % der Erwachsenen im Alter von 25 bis 64 Jahren an formaler oder nicht formaler Bildung oder Weiterbildung teil. Das zeigen die jüngsten verfügbaren EU-weiten Daten aus der Adult Education Survey.

Gleichzeitig verlagert sich Lernen zunehmend außerhalb traditioneller Institutionen. 64,2 % der Erwachsenen in der EU gaben an, informell zu lernen. Dazu zählen selbstständiges Lernen, der Austausch mit Gleichaltrigen sowie das Lernen im Alltag.

Diese Zahlen verdeutlichen ein zentrales Merkmal des heutigen Erwachsenenlernens. Der Großteil des Lernens findet außerhalb formaler Strukturen statt. Oft fehlen dabei verlässliche Systeme, die Fortschritte sichtbar machen, Rückmeldungen ermöglichen oder die Anwendung in der Praxis unterstützen.

Zugang allein bedeutet nicht gleich Einfluss

Trotz des umfangreichen Spektrums an Lerngelegenheiten bestehen weiterhin Unterschiede in der Teilnahme. Gemäß Eurostat gaben 25,9 % der Erwachsenen in der EU unbefriedigte Lernbedürfnisse an. Hier wurden häufig Zeitmangel, mangelnde Relevanz oder ungeeignete Formate als Hindernisse angeführt.

Diese Lücken sind besonders bei Menschen sichtbar, die sich in Veränderungsprozessen befinden. 2024 berichteten nur etwa 15 % der arbeitslosen Erwachsenen von einer kürzlich absolvierten Lernaktivität.

Das Problem liegt nicht im Mangel an Inhalten, sondern in der Schwierigkeit, Engagement aufrechtzuerhalten und Wissen in die Praxis umzusetzen. Das kann häufig beim isolierten Lernen beobachtet werden.

Warum Lernökosysteme an Bedeutung gewinnen

Gemeinschaftsbasierte Lernökosysteme reagieren direkt auf diese Herausforderung. Anstatt Bildung als einmaliges Ereignis anzubieten, legen Ökosystem-Modelle den Fokus darauf, wie Lernen über die Zeit erlebt wird.

Obwohl die Ansätze variieren, teilen diese Ökosysteme häufig wichtige Merkmale:

● klare Lernpfade, die Orientierung und Struktur bieten,
● Beteiligung von Gleichaltrigen, die Isolation verringert und Motivation stärkt,
● geführte Umfelder, in denen Lernen erprobt und verfeinert werden kann,
● gemeinsame Kontexte, die Umsetzung fördern statt passiven Konsum.

Das veranschaulicht, wie informelles Lernen in der Praxis abläuft, und zwar durch Erfahrung, Wiederholung und sozialen Austausch. Gleichzeitig adressiert es seine wichtigste Einschränkung: das Fehlen von Kontinuität.

Beweis dafür, dass gemeinschaftsbasiertes Lernen in ganz Europa skalierbar ist 

Gemeinschaftsbasiertes Lernen wird oft nur auf kleine oder lokale Ebenen begrenzt betrachtet. Die Erfahrungen in Europa zeigen jedoch etwas anderes. Die Initiative eTwinning, unterstützt von der Europäischen Kommission, vernetzt mehr als 1,2 Millionen Lehrkräfte und fast 300.000 Schulen in über 40 Ländern und ermöglicht mehr als 160.000 kollaborative Projekte.

Die Teilnehmenden entwickeln ihre Lernerfahrungen gemeinsam, anstatt ausschließlich auf zentralisierte Anleitungen angewiesen zu sein. Sie tauschen Praktiken und Erfahrungen über nationale Grenzen hinweg aus. Gemeinschaftsbasierte Lernökosysteme, wie man am Beispiel eTwinning sieht, sind dann besonders wirksam, wenn sie durch klare Strukturen und gemeinsame Ziele unterstützt werden.

Der Wandel von Kompetenzen beschleunigt sich schneller als traditionelle Trainingszyklen

Der technologische Fortschritt verstärkt die Notwendigkeit flexibler Lernumgebungen. Der Bericht „State of the Digital Decade 2024“ der Europäischen Kommission zeigt, dass derzeit nur 55,6 % der EU-Bürger über mindestens grundlegende digitale Kompetenzen verfügen. Hier wird eine weiterhin bestehende Fähigkeitslücke stark verdeutlicht (European Commission – State of the Digital Decade 2024).

Gleichzeitig nimmt der Einfluss von Künstlicher Intelligenz auf die Arbeitskräfte zu. Laut Reuters ist bereits rund ein Viertel der europäischen Beschäftigten stark von durch KI ausgelösten Aufgabenänderungen betroffen. Dies unterstreicht den Bedarf an kontinuierlichem Lernen statt punktueller Schulungen.

Traditionelle Bildungszyklen sind häufig auf lange Vorlaufzeiten ausgelegt. Mit der heutigen Dynamik können sie nur schwer Schritt halten. Lernökosysteme bieten hier eine Alternative. Sie ermöglichen es, dass sich Wissen und Praxis parallel zu neuen Werkzeugen und Arbeitsabläufen weiterentwickeln.

Die menschliche Dimension gemeinschaftsbasierter Lernformen

Gemeinschaftsbasiertes Lernen adressiert mehr als politische Vorgaben oder Anforderungen des Arbeitsmarktes. Es greift eine grundlegende verhaltensbezogene Realität auf. Erwachsene brechen Lernprozesse oft nicht ab, weil Inhalte unzugänglich sind. Häufig liegt der Grund darin, dass Lernen allein schwer aufrechtzuerhalten ist.

Gemeinschaftliche Lernumgebungen normalisieren Unsicherheiten. Sie machen Fortschritte sichtbar und schaffen gemeinsame Verantwortlichkeit. Lernen wird dadurch Teil eines fortlaufenden Prozesses. Es ist eingebettet in soziale Unterstützung und steht nicht mehr isoliert in Konkurrenz zu alltäglichen Verpflichtungen.

Die europäische Politik unterstützt das Denken in Ökosystemen

Die europäische Bildungspolitik spiegelt zunehmend diese systemische Sichtweise wider. Der Ansatz der Europäischen Kommission zu Micro-Credentials fördert kürzere, modulare Lerneinheiten. Diese können über die Zeit hinweg kombiniert und anerkannt werden.

Gemeinschaftsbasierte Lernökosysteme ergänzen diese Ausrichtung. Sie helfen Lernenden, flexible Lernwege zu verfolgen. Gleichzeitig sichern sie Kontinuität zwischen formalen Anerkennungspunkten. Dabei stellen sie die Rolle etablierter Institutionen nicht infrage.

Wo Lernökosysteme in diesen Wandel passen

In ganz Europa wird Lernen zunehmend außerhalb traditioneller Klassenzimmer unterstützt. Neue Modelle begleiten Menschen kontinuierlich beim Lernen. Sie setzen auf langfristige Entwicklung statt auf einmalige Lernaktivitäten.

In diesem Zusammenhang zeigt der BE (BE Club), wie technologiegestützte Lernökosysteme praktisch umgesetzt werden. Auf der eigenen Plattform von BE nutzen über 70 % der aktiven Nutzer die Bildungs- und Analysetools als Endkundinnen und Endkunden für Lernzwecke, nicht für Affiliate-Aktivitäten. Das weist auf echtes Engagement mit den Lernressourcen hin, unabhängig von rekrutierungsorientiertem Verhalten.

Das Ökosystem von BE vereint digitale Bildungsplattformen, KI-gestützte Tools und gemeinschaftliche Interaktion in einer Umgebung. Anstatt isolierten Unterricht anzubieten, ergänzen sich diese Elemente gegenseitig und unterstützen Erwachsene dabei, Wissen schrittweise und sozial zu erarbeiten. So wie Lernen außerhalb formaler Strukturen tatsächlich stattfindet.

Dieses Modell zeigt, wie viele Erwachsene bereits in der Praxis lernen: durch wiederholtes Engagement, geteilte Kontexte und allmähliche Ansammlung von Wissen über die Zeit.

Die wachsende Aufmerksamkeit für gemeinschaftsbasierte Lernökosysteme in Europa wird nicht durch Neuheit getrieben. Teilnahmedaten, Qualifikationslücken und Veränderungen in der Arbeitswelt führen zu derselben Schlussfolgerung: Lernen ist am effektivsten, wenn es kontinuierlich, kontextbezogen und sozial unterstützt erfolgt.

Während Europa weiterhin Anpassungsfähigkeit und Inklusion priorisiert, werden Ansätze auf Basis von Ökosystemen voraussichtlich eine wichtige Rolle dabei spielen, wie Lernen verstanden wird. Sie sind kein Ersatz für bestehende Institutionen, sondern Strukturen, die Lernen im realen Leben verstärken und erweitern.

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By Aijaz Tech-Autor & Redakteur bei HeuteMagazines.de
Aijaz ist Tech-Autor bei HeuteMagazines.de. Er schreibt über Technologie, Innovationen und digitale Entwicklungen, die unseren Alltag verändern. Seine Artikel erklären komplexe Themen verständlich und zeigen, wie neue Technologien praktisch genutzt werden können.